Dein Ego ist kein Feind, es ist unerzogen

Wer trifft eigentlich die Entscheidungen in deinem Leben?
Du nimmst dir Großes vor. Ein Team, das wirklich zusammenarbeitet. Eine Position, die zu dir passt. Mehr Geld, mehr Ruhe, eine Beziehung, die trägt.
Und gleichzeitig hältst du die eine kleine Vereinbarung nicht ein, die du mit dir selbst getroffen hast. Der Wecker um halb sechs, der dreimal geschoben wird.
Das Gespräch mit deiner Mitarbeiterin, das seit vier Wochen aussteht. Die halbe Stunde Stille am Sonntag, die du dir jedes Wochenende versprichst und die jedes Wochenende von etwas Dringenderem gefressen wird.
Merkst du den Widerspruch, der da drinsteckt?
Erinnerst du dich an dein erstes Fahrrad? Erst waren da die Stützräder. Dann kamen sie ab, du bist gefahren, umgefallen, hast dir das Knie aufgeschürft und irgendwann hast du das Gleichgewicht gehalten, ohne darüber nachzudenken. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dich am ersten Tag eine abschüssige Straße hinunterschießen zu lassen.
Genau das machen aber viele Menschen mit ihrem Leben. Sie wollen die äußere Welt in Ordnung bringen, bevor sie gelernt haben, sich in der inneren aufrecht zu halten.
Es gibt unzählige Anleitungen zum Manifestieren. Visualisierungen, Affirmationen, Vision Boards, Morgenroutinen. Über die Stufe davor spricht kaum jemand. Sie ist die Voraussetzung, ohne die alles andere deutlich mühsamer wird.
Und du siehst sie jeden Morgen, wenn du in den Spiegel schaust.
Die wahre Kraft liegt nicht draußen
Paracelsus, einer der einflussreichsten Alchemisten und Ärzte seiner Zeit, schrieb um 1500 einen Satz, der bis heute trägt: „Wer sich selbst gehören kann, soll keinem anderen gehören."
Wenn du dich selbst nicht führen kannst, wirst du geführt. Von Umständen, von Stimmungen, von den Erwartungen anderer. Von dem Chef, der um 22:47 Uhr eine Mail schickt, und von deinem eigenen Reflex, sofort zu antworten.
Die meisten Menschen leben reaktiv. Sie werden wütend, sorgen sich, lassen sich ablenken, greifen zum schnellen Trost, als würde jemand anderes diese Entscheidungen für sie treffen.
Die eigentliche Macht besteht darin, nicht mehr von deiner inneren Welt kontrolliert zu werden.
Was das Ego wirklich ist
Wenn wir das Wort Ego hören, denken die meisten an jemanden, der arrogant ist und sich für den Mittelpunkt hält. Das ist die Alltagsbedeutung, und sie führt in die Irre.
Fast alle alten Traditionen haben für dasselbe Phänomen einen eigenen Namen gefunden.
Im Hinduismus heißt es Ahamkara, die Identität, die sich für getrennt vom Ganzen hält.
Die Tolteken nannten es den Parasiten des Geistes, jene automatische Stimme, die von Angst und Urteil lebt.
In der religiösen Tradition ist es der Zweifler, der Trennende, der dich vom Göttlichen abschneidet.
Und die Neurowissenschaft beschreibt einen Zustand, in dem bestimmte Netzwerke im Gehirn auf Autopilot laufen, sich an Vergangenem festhalten, Zukünftiges durchspielen und dabei an einer festen Vorstellung von dir selbst kleben.
Verschiedene Namen für dieselbe Erfahrung. Für diese Figur in dir, die sagt: So bin ich eben. Mir passiert immer dasselbe. Das ist halt meine Persönlichkeit. Dafür bin ich zu alt.
Und hier wird es interessant, denn du bist nicht diese Figur. Du bist das Bewusstsein, das diese Figur benutzt.
Nimm ein Auto. Es hat eine Farbe, eine Form, einen Kilometerstand, ein paar Kratzer an der Beifahrertür. Dein Körper und dein Ego sind dieses Fahrzeug. Der Mensch am Steuer bist du.
Wer als Kind Super Mario gespielt hat, kennt es noch anders. Mario ist gestolpert, gefallen, hat Leben verloren, das Outfit gewechselt. Und du hattest die ganze Zeit den Controller in der Hand.
Ilonka, Maria, Manuel, das ist der Avatar. Wer darin wohnt, ist das Bewusstsein. Das Ich bin.
Wer dich programmiert hat
Dieser Avatar wurde programmiert, seit du auf der Welt bist. Von deiner Familie. Vom Fernsehen. Von dem Land, in dem du geboren wurdest. Und vor allem von den Sätzen, die du tausendmal gehört hast, während du groß geworden bist.
Stell dich nicht so an. Was sollen denn die Leute denken. Sei nicht so laut. Andere haben es schwerer. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Manche dieser Programme sind hilfreich. Andere haben dich klein gehalten. Ein paar davon sagst du heute selbst zu deinen Kindern oder zu deinem Team, ohne es zu merken.
Aus all dem hat sich eine Identität geformt, bis das Ego überzeugt war: Das bin ich.
Und damit beginnt das Problem. Das Ego kennt nur eine einzige Realität, seine eigene. Es kann nicht über die Geschichte hinausschauen, die es sich selbst seit Jahrzehnten erzählt.
Deshalb hält es so verbissen daran fest, recht zu haben. Deshalb reagiert es automatisch. Deshalb verteidigt es seine Überzeugungen ohne jedes Mitgefühl, sucht die schnelle Belohnung und weicht jedem Unbehagen aus.
Sein Auftrag war nie deine Entwicklung. Sein Auftrag ist Überleben.
Und da beginnt der Konflikt. Dein Bewusstsein will wachsen. Dein Ego will bleiben, wo es warm ist. Das Bekannte fühlt sich sicher an, auch wenn es dich krank macht.
Deshalb gibt es so viele Menschen, die sich verändern wollen und nach acht Wochen wieder genau dort sitzen, wo sie vorher saßen. Ihr Wunsch war groß genug. Die Entscheidung war getroffen. Und dann hat das Ego wieder das Steuer übernommen.
Der junge Hund in dir
Wenn du schon einmal einen jungen Hund hattest, weißt du, wie das läuft. Er springt aufs Sofa, knabbert am Tischbein, zerlegt deine Schuhe, klaut Socken und hört grundsätzlich nicht. Ist er deshalb ein schlechter Hund?
Er ist ein unerzogener Hund.
Genau so ist es mit dem Ego. Es gibt diesen Satz, der in den letzten Jahren populär geworden ist: Du musst dein Ego töten. Ich halte davon nichts. Das Ego gehört zu dir. Es ist das Fahrzeug, mit dem du diese Erfahrung machst. Wir sind nicht hier, um es zu zerstören. Wir sind hier, um es zu erziehen.
Wie ein junges Pferd. Du brichst es nicht. Du arbeitest mit ihm.
Himmel und Hölle in einem Meeting
Eine Zen-Geschichte bringt es auf den Punkt.
Ein mächtiger Krieger sucht einen Meister auf und fragt ihn: Herr, was ist der Himmel und was ist die Hölle?
Der Meister sieht ihn an und beginnt, ihn zu beschimpfen. Er nennt ihn einen Feigling. Nennt ihn nutzlos und schwach, ein mittelmäßiger Mann, an dem nichts dran ist. Der Krieger läuft rot an, zieht sein Schwert und will zuschlagen.
Da sagt der Meister ruhig: Das ist die Hölle.
Der Krieger erstarrt. Er versteht. Er steckt das Schwert weg, senkt den Kopf und verbeugt sich.
Der Meister schaut ihn an und sagt: Und das ist der Himmel.
Der Gegner war nie der Meister. Der Gegner war der Teil des Kriegers, der unbewusst aus dem Impuls heraus reagiert hat.
Übersetz das in deinen Montag. Die Kollegin sagt im Meeting einen Satz, der dich trifft. Vielleicht war er gar nicht so gemeint. Dein Puls geht hoch, dein Kiefer wird fest, und in dir formuliert sich schon die Antwort, die sie eine Stufe tiefer setzen soll. Wenn du sie aussprichst, hast du gewonnen und alles verloren. Der Rest des Tages gehört dann diesem Satz.
Solange das Ego deine Reaktionen steuert, steuert es dein Leben. Und wenn du führst, steuert es zusätzlich das Klima im Raum. Dein Team liest deine Reaktion, nicht dein Leitbild.
Selbstbeherrschung bedeutet nicht, aufzuhören zu fühlen. Sie bedeutet, aufzuhören, automatisch zu reagieren. Sie ist die Fähigkeit, bewusst zu wählen, wie du handelst, auch wenn ein Teil von dir gerade laut das Gegenteil fordert.
Jedes Mal, wenn das Ego etwas will und du dich anders entscheidest, stärkst du den Beobachter in dir. Und Stück für Stück hörst du auf, ein Sklave deiner Impulse zu sein.
Vier Praktiken, mit denen du heute anfangen kannst
Jetzt denkst du vielleicht: Verstanden. Und was mache ich konkret?
1. Meditation
Meditation ist für mich keine Option, sondern eine Grundlage.
Etwas Neues erschaffen zu wollen, ohne deine Aufmerksamkeit trainiert zu haben, funktioniert ungefähr so gut wie eine neue App auf einem Handy zu installieren, dessen Speicher voll ist. Die App ist nicht schlecht. Das Handy ist nicht kaputt. Das System ist überladen.
Wir leben in permanentem Lärm. WhatsApp, Teams, Nachrichten, Playlists, Meinungen. Und mitten in diesem Lärm sollen neue innere Zustände entstehen.
Meditation zieht deine Aufmerksamkeit vom Außen ab und gibt sie dir zurück.
Und dann passiert etwas Aufschlussreiches. Wenn du dich zehn Minuten in Stille setzt, siehst du sehr schnell, wer es gewohnt ist, hier das Sagen zu haben. Es juckt. Dir fällt eine Aufgabe ein. Du willst aufs Handy schauen, die Waschmaschine ausräumen, kurz die Mails checken. Plötzlich ist alles wichtiger als stilles Sitzen.
Das bist nicht du. Das ist das Ego, das die Kontrolle zurückholen will.
Jede Minute, in der du sitzen bleibst, ohne dem Impuls zu folgen, ist Training.
Eine Steigerung wäre, dich irgendwo im Öffentlichen hinzusetzen, im Park, im Wartebereich am Flughafen, die Augen zu schließen und nach innen zu gehen. Kein Schneidersitz nötig. Dein Ego wird sofort loslegen: Steh auf, wie siehst du denn aus, was denken die Leute?
Wenn du es mystisch betrachten willst, denk an den Satz aus dem Matthäusevangelium. Wenn du betest, geh in deine Kammer und schließe die Tür. Gemeint war nicht das Verstecken in einem Raum. Gemeint war das Schließen der äußeren Sinne, um Zugang zu jenem inneren Raum zu bekommen, in dem Verwandlung stattfindet.
2. Deine Impulse erziehen
Der Körper will ständig etwas. Essen, Bequemlichkeit, Ablenkung, Bestätigung. An diesen Impulsen ist nichts falsch. Schwierig wird es, wenn sie deine Entscheidungen treffen.
Deshalb kennen fast alle großen Traditionen das Fasten. Nicht weil Hunger magische Kräfte verleiht, sondern weil er den Willen trainiert. Der Körper sagt: Ich habe Hunger. Und du sagst: Noch nicht.
Manche fasten sechzehn Stunden am Tag. Die Stundenzahl ist nebensächlich, und Angeben damit erst recht. Trainiert wird die Fähigkeit, bewusst zu bestimmen, wann du handelst und wann nicht.
Das gilt weit über das Essen hinaus.
➡️ Der Griff zum Handy, sobald es zwei Sekunden still ist. Leg es weg, für zehn Minuten. Es wird dir nichts passieren.
➡️ Die Mail, die dich ärgert, und der Drang, sofort scharf zurückzuschreiben. Antworte morgen früh.
➡️ Das Projekt, das du heute hinwerfen willst, weil du keine Lust hast.
➡️ Sexuelle Energie, die einfach abfließt, statt in etwas Schöpferisches zu gehen.
Entscheidend ist die Richtung. Wenn Impulse bestimmen, wohin dein Leben läuft, führst du nicht mehr.
3. Kleine Unannehmlichkeiten wählen
Das ist einfach und wirkt erstaunlich schnell. Du setzt dich absichtlich kleinen Unbequemlichkeiten aus. Nicht weil Leiden gut ist, sondern weil deine Wahlfähigkeit dabei wächst.
Nimm die Treppe statt der Rolltreppe. Schau dich das nächste Mal in einem Kaufhaus um: Die Rolltreppen sind voll, die Treppen daneben leer.
Leg dein Handy in einen anderen Raum, während du arbeitest.
Geh eine Strecke ohne Kopfhörer.
Beende deine Dusche kalt.
Dein Ego sucht immer den bequemsten Weg und die sofortige Belohnung. Jedes Mal, wenn du bewusst anders entscheidest, klärst du die Frage, wer hier das Sagen hat. Die kalte Dusche verändert dein Leben nicht. Du wirst dabei zu jemandem, der nicht wegläuft. Das ist mehr wert als jede Technik, die du lernen kannst.
4. Dein Wort wird Gesetz
Das ist der wichtigste Punkt.
Dein Verstand beobachtet ununterbrochen eine einzige Sache: Hältst du dich an das, was du sagst?
Du sagst am Abend, morgen früh gehst du um sechs laufen. Damit hast du einen Vertrag mit dir geschlossen. Am nächsten Morgen gibt es zwei Möglichkeiten.
Wenn du diesen Vertrag immer wieder brichst, verliert dein System das Vertrauen in dich. Es lernt, dass deine Worte nichts bedeuten. Dass „Ich mache das" in Wirklichkeit heißt: mal sehen.
Und mit genau diesem Verstand willst du dann etwas Großes erschaffen.
Ob du läufst, ist nebensächlich. Was zählt, ist die Vertrauensbeziehung zwischen deinem Bewusstsein und deinem Körper. Dass eine Anweisung von dir etwas auslöst. Dass eine Entscheidung ausgeführt wird, auch an einem Dienstag, an dem du null Lust hast.
Ein Mensch, der dem eigenen Wort nicht trauen kann, wird einen neuen inneren Zustand nicht lange halten. Und lange halten ist genau das, worauf es ankommt, wenn sich etwas in deinem Leben ändern soll. Neville Goddard hat sein ganzes Werk um diesen einen Punkt gebaut.
Fang klein an. Du sagst, du machst Sport, dann mach ihn. Du sagst, du rufst deine Mutter an, dann ruf sie an. Du sagst deinem Team, du meldest dich bis Freitag, dann meld dich bis Freitag. Dein Verstand muss wieder entdecken, dass das, was du sagst, tatsächlich geschieht.
Was das für Unternehmen bedeutet
In Organisationen wird viel über Werte gesprochen. Über Vertrauen, Feedbackkultur, psychologische Sicherheit. Und dann sitzt eine Führungskraft im Meeting, wird knapp, reagiert gereizt, unterbricht.
Das Team merkt sich nicht das Leitbild. Es merkt sich diese drei Sekunden.
Mentale Stärke ist deshalb keine private Freizeitbeschäftigung von Führungskräften. Sie ist Teil der Führungsaufgabe. Eine Führungskraft, die ihre eigenen Impulse steuern kann, hält Spannung aus, ohne sie weiterzugeben. Sie kann eine schlechte Nachricht überbringen, ohne dass daraus Angst wird. Sie kann Kritik hören, ohne sich zu verteidigen. Und sie kann klar sprechen, ohne zu verletzen.
Das lässt sich lernen. Genau daran arbeite ich in meinem zweitägigen Seminar „Mentale Stärke und gesunde Zusammenarbeit" und in der Vertiefung „High Performance Mindset", und im Einzelcoaching dort, wo es persönlich wird.
Die eine Frage
Bevor du das nächste Mal überlegst, mit welcher Technik du dein Leben veränderst, stell dir vorher diese Frage:
Wer trifft in meinem Leben die Entscheidungen? Mein Bewusstsein oder mein Ego?
Die Antwort erklärt ziemlich genau die Realität, in der du gerade lebst.
Und erinnere dich an das Fahrrad. Du kannst nicht mit Vollgas eine abschüssige Straße hinunterfahren, bevor du das Gleichgewicht kennst. Führe erst dich selbst. Dann fängt die Wirklichkeit an, anders auf dich zu reagieren.
❓ Welche Vereinbarung mit dir selbst hast du in den letzten Wochen am häufigsten gebrochen?
Wenn du merkst, dass du beruflich funktionierst und innerlich spürst, dass so nicht weitergeht, dann schreib mir gerne. Du musst diesen Weg nicht allein gehen.
Kostenloses Erstgespräch: ilonkavordermayr.com/kontakt
Hier noch ein kleines Geschenk für dich, damit du schon einmal mit der Meditiation anfangen kannst, habe ich dir hier meine Transformationsmeditation verlinkt.
Sie geht nur 9 Minuten und ist sehr wirkungsvoll. Perfekt, um sie in deinen Alltag einzubauen.
Vielleicht willst du sie ja gleich mal ausprobieren. Der erste kleine Schritt.




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